Das Selbst und seine Unzufriedenheit

Wieso wir unsere Körper modifizieren

Die Temperaturanzeige meines Handys zeigte 37 Grad Celsius und der wolkenlose blaue Himmel spiegelte sich im Meer. Hier lag ich nun am Strand im türkischen Didim und ließ die Wärme der Sonne auf meinen Körper scheinen. Der Strand lag zwischen zwei Hotelkomplexen, sodass die umliegenden Touristen die Mehrheit am Strand bildete. Ich hingegen kam aus der Stadt, die ca. 10 Minuten Autofahrt entfernt lag.  
Der Strand war nicht so sehr besucht, sodass mein Besuch nicht in Anstrengung überzugehen schien. Interessanterweise ist Entspannung bei übermäßigen Menschenansammlungen schier unmöglich. Während ich nun auf meinem angemieteten Liegestuhl und Sonnenschirm die Sicht genoss, die sich mir darbot, entdeckte ich zahlreiche auffällige Frauen und Männer. Diese auffälligen Menschen schienen wie die Sonne auf die Strandbevölkerung zu scheinen. Ihre Auffälligkeit bestand in der Form ihrer Figur. Sie sahen makellos aus. Junge Männer mit definierten Muskeln und glattrasierter Brust zogen die Blicke einiger verheirateter Frauen auf sich.         
Verheiratete Männer hingegen schielten zu den Frauen, deren Körper anscheinend die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden vermochten und mit ihren trainierten Schenkeln und runden Hintern aus dem Wasser wie Nixen hervorkamen. Während ich die Beobachter beobachtete, fiel mir mein Körper auf: Mit meiner hellen Haut und der unmuskulösen und haarigen Brust war ich zwar nicht alleine am Strand, jedoch entwickelte sich aus diesem Kontrast der Grundgedanke des Schönen in Bezug auf den Körpern, mit dem ich mich nun am Strand beschäftigte.
Eine Kritik am gesellschaftlichen System ist dabei nicht so relevant wie der phänomenologische Gedanke am körperlich Schönen. Nun ist es richtig, dass uns ständig suggeriert wird, welche körperlichen Eigenschaften schön und erstrebenswert seien.       
Während in den 80er-Jahren Tom Selleck in Magnum für seine überaus behaarte Brust bekannt war, zeigen uns beispielsweise Werbungen heutzutage, dass glatte und rasierte Männerhaut das zeitgenössisch Ideal ist. Schönheitschirurgen verdienen sich eine goldene Nase mit Nasenoperationen und Botoxbehandlungen. Barbra Streisand hingegen gilt als Ikone für Natürlichkeit, da sie ihre markante Nase nie einer Operation unterzog. Diese und andere Beispiele zeigen, dass jede Generation andere Werte und Normen in Bezug auf körperliche Schönheit fundieren möchte.

Seit Jahrtausenden haben Menschen äußere Güter genommen, um den eigenen Körper „upzugraden“. Kleider aus hochwertigen Stoffen gab es schon in der Antike. Auch Schmuck existierte bereits bei ausgestorbenen Völkern. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache schreibt, dass das Verb schmücken sich aus dem mittelhochdeutschen smucken entwickelt hat und die Bedeutung trug, sich in etwas eng Umschließendes zu drücken, zusammenziehen, an sich zu drücken.
In diesem Zusammenhang wird also deutlich, dass man sich mit einem Kleid schmückte, also sich in etwas eng Umschließendes drückte.
Diese kurze sprachwissenschaftliche Reise soll verdeutlichen, dass die Schaffungskunst des Menschen eher darauf verwendet wurde, den Körper mit äußeren Mitteln in Szene zu setzen. Nun ist die Schaffungskunst soweit entwickelt, dass die Transformation des Körpers im Zentrum des Menschen steht.
Attraktivität soll also nicht einfach durch Güter geschehen, die dem Körper zugeordnet werden, der Körper an sich soll attraktiv sein. Haartransplantation/-entfernung, Botox, zahnästhetische Operationen, Muskelaufbau und Tattoos sind nur einige Beispiele für solch eine Steigerung der Attraktivität, die vom Körper ausgehen soll. Nun können wir uns fragen, ob die Person dieses Verhalten von außen annimmt oder unabhängig von äußeren Einflüssen die körperliche Attraktivität steigern möchte.          
Ich bin der Meinung, dass der Ursprung Unzufriedenheit sein muss. Die Erscheinung des Körpers erweckt Unzufriedenheit, sodass Mittel in Erwägung gezogen werden, diese Unzufriedenheit wieder in Zufriedenheit zu wandeln. Ziel ist somit also nicht die Attraktivität des Körpers, sondern die eigene Zufriedenheit. Auch wenn die Person sich gefallen möchte, behaupte ich, dass die Unzufriedenheit nicht durch das Selbst a priori in Erscheinung tritt, sondern von äußeren Begebenheiten definiert wird. Für sich genommen, ist Unzufriedenheit das Produkt eines Konflikts zwischen Betrachter und Betrachtetem, was aber nur im Betrachter in Erscheinung treten kann, da er einen Vergleich zwischen sich und dem Betrachteten vornimmt.      
Die Beispiele von jungen Menschen mit tollem Körper am Strand ist nur ein Aspekt, denn hierbei geht es um rezeptionsästhetische Gründe, die einen Menschen unzufrieden mit dem eigenen Körper machen.

Daneben existieren auch funktionale Gründe für die Unzufriedenheit wie bei Menschen, die eine Verbesserung am Körper vornehmen, um dadurch im Beruf konkurrenzfähig zu sein. (z.B. Augenlasern bei Soldaten)
Welche Gründe auch immer vorliegen, es ist notwendig, nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu leben, damit das Selbst für sich zufrieden sein kann.
Mit dieser Erkenntnis lag ich nun im Liegestuhl und schlürfte mein inzwischen geschmolzenes Eis genüsslich weiter.

© Beitragsbild: Free-Photos / pixabay.de

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