Einsichten in die Köpfe der Anderen

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt und seit dem Konstruktivismus wird diese Überlegung doch auch philosophisch tiefergehend erforscht. Dabei scheint diese Aussage doch Paradox, wenn man sich vor Augen hält…

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt und seit dem Konstruktivismus wird diese Überlegung doch auch philosophisch tiefergehend erforscht. Dabei scheint diese Aussage doch Paradox, wenn man sich vor Augen hält, dass man sich mit seinen Kollegen über denselben Chef auskotzt, der für alle da ist. Oder über den Zug, der für jeden existiert und für jeden mit der gleichen Verspätung ankommt. Schaut man sich allerdings mal an, wie jeder Einzelne auf diesen Chef oder die Bahn reagiert wird schnell deutlich, wie viel Wahrheit hinter dieser These steckt. Denn einige Kollegen scheinen doch mit dem Chef klarzukommen und andere empfinden die 5-minütige Zugverspätung noch als tolerabel – während die anderen schon wütend den Kundenservice anrufen und ihr Geld zurückverlangen.

Es scheint also doch zumindest unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis zu geben. Wo die allgemeingültige Wahrheit bleibt, ist dabei gar nicht so leicht herauszufinden. Ein Beispiel aus der Kriminalforschung zeigt dabei ganz offensichtlich die Getrübtheit der menschlichen Wahrnehmung, wenn es um die Verlässlichkeit der Zeugenaussagen geht. So meint ein Zeuge doch hinter der Maske einen Täter südländischer Herkunft erkannt zu haben, während ein Anderer dem Verdächtigen eindeutig eine russische Herkunft zuschreibt. Diese Fehlinformationen hängen doch wohl mit der subjektiven Wahrnehmung und der persönlichen Empfindung zusammen. Erfährt man nun in den Nachrichten von einer Vergewaltigung, in der ein Asylant ein deutsches Mädchen missbraucht hat, neigt man schnell dazu dieses Verhalten auch auf andere Asylanten zu übertragen. Schließlich sehen die ja auch so fremd aus.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Umwelt unsere Wahrnehmung bestimmt, genauso wie die Erfahrung, die unseren Urteilen zu Grunde liegt. In diesem Zusammenhang werden auch die Macht und der Einfluss deutlich, den die Medien auf uns haben. So werden Kunden eines konservativen Mediums, wie der FAZ auch ein anderes Bild vermittelt bekommen, als Leser der Sputnik-News. Dabei ist doch jede Meinung und jedes Medium politisch gefärbt und eine neutrale Berichterstattung gar nicht möglich. Beginnt man allerdings verschiedene Berichte zu einem Thema differenziert zu betrachten, erhält man vielleicht neue Einblicke in die Köpfe der Anderen.

Möchte man die Welt verstehen, kann dies nur im Austausch stattfinden. Erst durch das Gespräch erfährt man die Weltsicht anderer Menschen und kann das Weltgeschehen aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Bleibt man aber in seinem eigenen Dunstkreis oder verschließt sich Teilen der Gesellschaft, wird man nie in Erfahrung bringen, ob man nicht doch auf der falschen Seite steht. Erst die Diversität hat die Artenvielfalt hervorgebracht, die den Planeten so erfolgreich bewirtschaften und erst die Diversität ermöglicht es sich weiterzuentwickeln. Deshalb muss man sich auch öfter als einem Lieb ist eingestehen, dass man auf der falschen Seite stand, um sich auf richtige Seite zu stellen. Doch ohne diese Einsicht bleibt man seinem eigenen Denken verhaftet.

© Beitragsbild: Geralt / pixabay.de

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