Verdummung – Spiel mir das Lied vom Brot… Teil I

Eine Frau geht durch die Wohnung einer fremden Familie, in einer fremden Stadt, mit einem Kamerateam im Rücken samt Redakteur, der ihr vorgibt, was sie sagen soll – doch STOPP! Wir wollen fair bleiben: Er befiehlt ihr nichts, er sagt nur Sachen wie „Hey Jessica, findest du nicht, dass die Küche der Tauschmutter ziemlich dreckig ist…?!“, woraufhin weitergedreht wird – Kamera läuft und Jessica sagt, während sie mit ihrem Zeigefinger auf Staubspuren verweist – „Bääähhhh, ist das hier ekelhaft, ey!“. Ja genau, wie ihr gemerkt haben werdet, spreche ich über ein TV-Format, genannt „Frauentausch“, welches ich in letzter Zeit hinsichtlich sozio-psychologischer Experimente an meinem eigenen Leib schaue.

Wieso sind wir so anspruchslos und faul geworden? Wir, die Verderbten unserer Zeit! Ich bin den ganzen Tag arbeiten und dann, wenn ich nach Hause komme…, werden jetzt einige versuchen zu argumentieren oder wenn ich morgens vor der Arbeit frühstücke, möchte ich im Fernsehen nichts schauen, was mich kognitiv herausfordert, damit ich auf der Arbeit…, bla bla bla usw. Und was soll dieser ganze Scheiß mit der Arbeit überhaupt?!

Ich möchte einige, die es vielleicht noch nicht wussten, erinnern, Arbeitnehmerrechte, Gewerkschaften usw. in unserer gegenwärtigen Form sind keine Erfindungen der Antike; sie sind noch relativ frisch. Fragt eure Großeltern, wenn ihr welche habt, unter welchen Konditionen sie noch arbeiten mussten! Oder wollen wir andere Regionen der Welt anschauen: Als ich in Seoul urlaubte, lernte ich dort junge Studentinnen kennen, die sich nachts mit mir betranken, morgens zu einem Nebenjob erschienen, abends zu einem nächsten Nebenjob gingen, nebenbei studierten und am späten Abend wieder zum Trinkgelage am Start waren – angekommen in Deutschland hatte ich wieder Lebensverneiner um mich herum, die am Samstag nicht feiern wollten, wenn sie am Montag arbeiten mussten: Das Ding ist, wenn ich am Samstag saufe, bin ich am Sonntag zu tot, um mich zu erholen, womit der Montag erst mein offizieller erster Erholungstag wäre, obwohl ich da grade fit für die Arbeit sein müsste. Wenn wir am Freitagabend was machen, dann passt das, weil dann bin ich Samstag tot, Sonntag schlafe ich aus und bin zur Arbeit am Montag wieder voll da!“ – kommt euch eine solche Umschreibung von ich bin ein faules Stück Scheiße bekannt vor?

Wir Verderbten, wir sollten einsehen, dass unsere Ohnmacht vor der Verdummung rein gar nichts mit Arbeit zu tun hat. Wir arbeiten nicht mehr als andere und auch viel leichter als früher. Mein Vater, der vierzig Jahre als „Gastarbeiter“ arbeitete, „kostet“ mit mehrfachen Bandscheibenvorfällen und Operationen sein Rentnerleben aus, während ich als angehender Lehrer meine ständigen Ferien brauchen werde, um mich von den blöden Kindern, „die ja vieeeeeeeeeel schlimmer sind als früher“, zu erholen. Als mein Vater so alt war, wie ich jetzt bin, hatte er schon einundzwanzig Jahre körperliche Arbeit auf dem Buckel!

Überhaupt, unsere Vorstellung von Arbeit, Hobby usw. hat sich verschoben. Früher arbeitete man ehrenhaft im Sinne der Gemeinschaft (man gab es wenigstens vor…) und um die Familie zu unterstützen; heute arbeitet man, um sich Statussymbole leisten zu können; früher hatte man Hobbys, die selbst Arbeit waren: Man kaufte sich teure Kameras und beschäftigte sich mit Photographie, kaufte teure Instrumente und lernte, klassische Musik zu spielen, kaufte ein Instrumentarium für Archäologen und reiste für Expeditionen in fremde Länder, wenn man mal eine Woche frei hatte; heute versteht man unter Hobbys: Ich hör gerne Musik – HAHA, ich lache aus der vollen Lunge über uns Verderbten – wir sind Rinder, wir kauen ewig weiter im Kreis – das ewige Wiederkauen! Doch wollen wir aus dem Bauernhof ausbrechen, aber wie?

Keine Ahnung….

Ich weiß, vieles, was ich hier schreibe, ist verzerrt und pauschalisiert, aber, wenn ihr ehrlich seid: Die Tendenz, die ich hier versuche klarzumachen, dass während alles einfacher und komfortabler wird, wir immer fauler und paradoxerweise anspruchsloser werden, dass obwohl wir bessere Arbeitsbedingungen und weniger Existenzängste haben, uns nicht mehr mit wirklichen Inhalten und guter Kunst beschäftigen – diese Tendenz ist nicht zu übersehen; und ich bin allzu redlich, wenn ich sage, dass dieser Schwung der Anspruchslosigkeit und Lethargie auch mich mitschleift; ich bin einer von euch, ein Verderbter!

Wir, die Masse der Verfaulten, sind anspruchslos, ungeduldig, beliebig, immer nur Mainstream, immer nur modisch, nicht originell, nicht schöpferisch, sind lethargisch, antriebslos, verdrossen; wir sind verdrossen. Ist der Verdruss vielleicht Quell allen Übels?

Keine Ahnung….

Wir sind nicht gestresst oder überbeansprucht – es gibt keinerlei Gründe für uns Verfaulten, Burnout zu bekommen, doch sind wir ironischerweise die ersten, die Betroffen sind. Ist es der Verdruss? Womöglich schon, vielleicht auch nicht. Aber, wir sind es, wir sind verdrossen, verdrossen und resigniert. Resignation! Das Heilige Römische Reich Deutscher Resignation!

Wir hassen die Politik, aber wir können eh nichts dran ändern… Wir hassen den Klimawandel, die Kriege, Ungerechtigkeit, aber wir können eh nichts dran ändern…

Wir resignieren und kapitulieren nicht vor der Verdummung; eigentlich kapitulieren wir vor den tiefen Problemen unserer gemeinschaftlichen und umweltlichen Wirklichkeit und geben uns ohnmächtig der Verdummung hin. Der Weltschmerz paralysiert uns. Statt zu schreiben, spielen wir. Statt zu schreien, hören wir jeden Tag das Gleiche.

In den Neunzigern wuchs ich mit Tupac auf und heute hören sie Travis Scott, Future usw. oder in Deutschland Mero, Fero, Sero, Eno, Hero, Kero, Zero usw. (kann sein, dass ich ein paar von denen erfunden habe). Früher gab es Conscious Rap, bewussten, politischen, gesellschaftskritischen Rap; heute gibt es Trap, die Falle, in die du einmal fällst und schwer wieder herauskommst, weil alle mitmachen, als wäre es eine Religion.

Nun gut, ich beruhige mich. Meine Hinleitung zum Thema – eigentlich wollte ich lediglich über die Verdummung durch Trap schreiben – ist ein wenig ausgeartet. Dann scrolle ich halt nach ganz oben, schreibe zum Titel Teil I dazu und setze mich vielleicht in ein paar Tagen wieder hin und schreibe das, was ich eigentlich schreiben wollte…

© Beitragsbild: Christian Seidel  / pixelio.de

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