Ein kollektiver Gott – Wie der Gedanke eine Instanz gebärt

„Amin!“ riefen knapp fünfzig Menschen dem Imam zu. Es war ein Freitagnachmittag in der islamischen Gemeinde als die Menschen dicht nebeneinander und hintereinander auf einem dunkelgrünen Teppich knieten, der den gesamten Boden bedeckte. Der Teppich war weich und mit diversen orientalischen Musterungen bestickt. Meine Augen verfolgten den Teppich, der ähnlich wie frisches Gras im Frühling zu blühen schien. An der beigefarbenen Wand hörte der Teppich auf und diverse Bilder von berühmten muslimischen Persönlichkeiten verzierten jede Wand. Dabei fiel mir der auf einem höher gelegenen Podest sitzende Imam auf, der der Menschenmenge etwas zurief, das ich nicht wahrnehmen konnte. Denn sein krausiger, weißer Bart, der bereits seinen gesamten Hals überdeckte, nahm mir die Aufmerksamkeit. 

Bei jedem Wort des Imams bewegte sich dieser Bart hin und her und bot das Gefühl einer Lawine, sodass ich in der ersten Reihe kurz grinste. Der Imam sprach seine Worte und die Menschen nahmen die Gebetsstellung ein, der ich Folge leistete. Zunächst standen wir mit geradem Rücken, während die Hände übereinander auf dem Bauch lagen. Darauf beugten wir den Oberkörper vor. Nun wieder in die vorherige Position. Daraufhin knieten wir, sodass der Kopf den Boden berührte und die Hände daneben lagen. Aus dem Augenwinkel sah ich meinen Großvater, der mit geschlossenen Augen fast wie im Trancezustand betete. Doch was tat ich eigentlich? Ein befremdliches Gefühl überkam mich bei der Beobachtung dieser aneinander sitzenden Menschen. Während der Gedanke einer höheren gemeinsamen Instanz in jedem dieser Individuen aufzuleben schien, hatte ich eine Frage im Kopf: Wie funktioniert dieses Phänomen?

Obwohl die innere Darstellung eines Gottes individuell und subjektiv zu sein schien, waren diese Menschen in ein und demselben physischen Zustand. Diese innere Darstellung muss ja nun auf einer Grundlage erfolgen, doch auf welcher? Nebenbei musste ich mich anstrengen, die Gebetshaltungen von meinen Nachbarn zu kopieren. Mal angenommen, David Humes Begriff Goldberg, den er in Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand darstellte, solle sich vorgestellt werden. Erfahrungsgemäß kenne ich Gold und Berge, sodass meine Innenwelt in der Lage ist, diesen Goldberg zu verbildlichen, obwohl er nicht existiert. Doch ein Abstraktum wie Gott ist keine sinnlich wahrgenommene Gegebenheit, und dennoch kann er sich vorgestellt werden, um Gebete an ihn zu richten. Einen Liebesbrief an die Geliebte schicken, die man zuvor noch nie gesehen hat.

Nun muss die Assoziation ihren Beitrag dazu leisten. Gebe ich einem Begriff wie Gott Eigenschaften, so kann ich sie bildlich nach eigener Interpretation vorstellen. Die Geliebte wird daraufhin freundlich ausgemalt und schon assoziiere ich alle Freundlichkeiten, deren Erfahrung ich machen konnte, in einem Bild, um die Geliebte wie ein flackerndes Licht aufgehen zu lassen. Gott werden mehrere Eigenschaften zugeordnet, doch mir misslingt bereits eine einzige Eigenschaft. Während die letzten Gebetsstellungen eingenommen wurden, schloss ich ebenfalls die Augen, um den Schein einer religiösen Meditation zu wahren.

Nun erwacht in jedem dieser Individuen ein Bild Gottes im Kopf, der mit eigens ausgewählten Eigenschaften gefüllt werden muss. Die Gottesbilder sind allesamt verschieden, da die Eigenschaften, deren Erfahrung jeder selbst gemacht haben muss, im Gehirn anders verarbeitet werden. Zwei Menschen, die ein und denselben Baum betrachten und ihn malen sollten, werden nicht in der Lage sein, ein und denselben Baum zu malen. Ihre Erfahrungswelt mischt sich ein und der Baum wird mal mehr, mal weniger schattiert. Das Grün der Krone wird mal heller, mal dunkler. Und der Stamm bekommt mal mehr, mal weniger Einkerbungen.

So nun der Gottesgedanke der Menschen, die um mich herum beteten. Der kollektive Gedanke kann nun ebenfalls nur durch Glauben existieren. Sie glauben daran, dass sie an ein und denselben Gott glauben.


Das glaube ich zumindest.
So kam das Gebetsritual zum Ende.
Die Menschenmenge löste sich auf.
Der Gottesgedanke war keine Einheit mehr.

© Beitragsbild: TeroVesalainen / pixabay.de

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